Kühe treiben – Herdenklänge

Kühe treiben – Herdenklänge

Eines der schönen Dinge auf der Alp ist für mich die Kühe nach dem Melken hinaus auf frische Wiesen zu treiben. Ein unbeschreibliches Gefühl wenn sie zufrieden mit Glockenklang, mit ihrem eigenen Klang vor dir herlaufen.

Alle Kühe sind gemolken. Wir binden jede einzeln los und lösen sie von ihren Ketten die sie im Stall an ihrem Platz gehalten haben.

Langsam trotten sie nach draußen, die eine langsamer die andere etwas schneller. Die üblichen Kühe bleiben wie immer an der Stalltür stehen und warten auf die extra Einladung des Älplers um aus dem Stall zu gehen.

Ich treibe also auch die letzten hinaus auf den Vorplatz. Unser Hütehund weiß bereits was los ist und läuft schwanzwedelnd neben mir her. Ich poistiere ihn neben der Herde damit ich in Ruhe alles vorbereiten kann, merke wie er sich bereits freut. Seine Lieblingsarbeit.  Er muss dort warten bis das Tor von mir geöffnet ist. Das haben wir anfangs Sommer oft trainiert und üben müssen. Er muss folgen und zuverlässig sein. Ich prüfe nochmals als ich von ihm weglaufe. Gut, er sitzt noch und macht keinen Blödsinn wie zum Beispiel wild die Kühe in eine Richtung zu treiben. Es funktioniert. Ein kleiner Erfolg. Ich muss lächeln.

Mit meinem Hirtenstock in der einen und dem Zaungriff in der anderen  laufe ich zur Seite und öffne das Tor. Die Kühe sehen und kapieren es sofort und kommen langsam in meine Richtung. Die Leitkuh vornweg. Wie immer. Jetzt muss ich mich beeilen und schauen dass ich hinter die Herde komme damit sie in die richtige Richtung gelenkt werden können. Würde ich das nicht tun, wären sie kreuz und quer verteilt und ich könnte sie Abends im gesamten Alpgebiet zusammensuchen.

Ich mache mit meinem Arm und meiner Hand eine Bewegung nach unten und zeige mit meinem Finger wortlos neben mich. Mein Hund reagiert, springt auf und läuft neben mir her. Er wartet sehnsüchtig auf mein Kommando endlich losrennen zu dürfen. Ich tue ihm den Gefallen und zeige mit meiner rechten Hand in Richtung der rechten Seite der Herde. Sofort rennt er los. Als ich sehe dass er an dem Punkt angekommen ist wo ich ihn haben wollte rufe ich ihn mit einem kurzen Pfiff zu mir zurück. Er gehorcht. Die Kühe wissen dadurch dass sie nicht nach rechts durchbrechen kürfen und werden somit in die richtige Richtung gelenkt. Diesmal waren es 3 Kühe die nach rechts weg wollten anstatt gerade aus zu laufen.

Im Wechselspiel lasse ich ihn links und rechts laufen, pfeife ihn zurück wenn alles funktioniert hat oder schicke ihn per Handzeichen noch ein bisschen weiter wenn er zu mir zurück schaut um ein weiteres Kommando auszuführen. Er macht seine Arbeit sehr gut und vorallem mit viel Ruhe.

Die Kühe laufen vor mir her. Hinter uns geht die Sonne auf, erhellt alles noch mehr. Die Tautropfen beginnen dadurch wild zu Glitzern, ein schöner Moment der vom Klang der Herde umrahmt wird. Anfangs Sommer bekomme ich von dem schönen Gebimmel immer eine Gänsehaut, jetzt nicht mehr, man gewöhnt sich schließlich daran. Es ist ein schönes Bild wie wir losziehen, weiter hinauf wo es besseres und frisches Gras gibt. Wie ein eingespieltes Team ziehen wir von dannen.

Ungefähr 120 Kühe deren Glocken klingen. Es ist auf eine gewisse Art und Weise Heimat und Frieden für mich. Diese Musik. Dieser Klang. Diese Melodie. Es ist der Klang der Herde. Es gibt verschiedene Klänge der Herde. Wenn sie hinauslaufen. Wenn sie Fressen. Wenn sie gemütlich Widerkäuen. Jeder Herdenklang hört sich anders an, man kann den Unterscheid hören.

Nach guten zwanzig Minuten Marsch erreichen wir unser Ziel. Ich postiere wieder meinen Hund neben den Kühen, laufe um die Herde herum und öffne das Tor zur frischen Weide die bereits eingezäunt ist. Die Kühe strömen vor Freude hindurch und beginnen zufrieden zu fressen. Ich bleibe neben dem Tor stehen. Gebe meinem Hund der noch brav auf seinem Platz sitzt das Kommando die restlichen Kühe an mir vorbei zu treiben damit ich den Torgriff wieder schließen kann.

Kurz genieße ich diesen Moment. Ein Moment der Friedens. Aber nur kurz. Denn etwas vierbeiniges stubst mich von unten mit einer kalten Schnauze an, er möchte sich sein Lob für die getane Arbeit abholen. Ich kraule seinen Kopf, er legt ihn bei mir ab und schließt genussvoll seine Augen.

Zufrieden laufen wir gemeinsam zurück zur Hütte. Der Sonne entgegen.

Jetzt wird noch schnell der Vorplatz gekehrt, meine Mitälplerin hat bereits angefangen. Und dann? Dann gibt es das wohlverdiente Frühstück nach getaner Arbeit. Rührei von unseren Hühnern die wir mit auf die Alp gebracht haben.